Warum „Green Claims“ in der Medizintechnik wichtig sind
Das Thema Nachhaltigkeit in der Medizintechnik war schon immer im Wandel, doch derzeit erlebt die Branche eine spürbare Veränderung. Vor einigen Jahren, insbesondere in der Zeit unmittelbar nach der COVID-Pandemie, wetteiferten Unternehmen darum, Nachhaltigkeitsziele zu verkünden. Heute ist die Stimmung eher von Vorsicht geprägt. Unternehmen stehen stärker unter Beobachtung, Vorschriften entwickeln sich rasant weiter, und es setzt die Erkenntnis ein, dass Nachhaltigkeitsversprechen weit komplexer sind, als ein Produkt einfach nur als „umweltfreundlich“ zu bezeichnen.
Meiner Meinung nach zeugt dieser Wandel in vielerlei Hinsicht von Reife. Die Branche löst sich von bloßen Wunschvorstellungen bei der Nachhaltigkeit und widmet sich einer weitaus schwierigeren Frage:
Wie belegen Unternehmen ihre Aussagen tatsächlich?
Einer der wichtigsten Weckrufe war das Thema Scope-3-Emissionen. Auf dem Papier klangen Nachhaltigkeitsziele simpel, doch bei der konkreten Umsetzung stießen die Unternehmen auf enorme Komplexität. Viele unterschätzten den Aufwand, der nötig ist, um die CO₂-Bilanz nicht nur aussagekräftig, sondern auch belastbar zu erfassen. Dies hat in einigen Fällen zu unbeabsichtigtem Greenwashing geführt.
Das klassische Marketing in der Medizintechnik ist stark technisch geprägt. Die Teams sind es gewohnt, Aussagen auf der Basis hochstrukturierter Nachweise zu treffen, die von Behörden wie der FDA und der FTC geprüft werden müssen. Beispiele hierfür sind verbesserte klinische Ergebnisse, eine um XX % verkürzte OP-Zeit oder eine gesteigerte Leistungsfähigkeit der Produkte. Bei Nachhaltigkeitsversprechen hingegen neigen Teams dazu, Begriffe wie „grün“, „umweltfreundlich“, „recyclingfähig“ oder „besser für die Umwelt“ zu verwenden, ohne sich vollends bewusst zu sein, dass auch diese Aussagen einer Validierung bedürfen.
Zudem mag eine Verpackung theoretisch zwar recycelbar sein, doch wenn sie von kaum einer Kommune tatsächlich verarbeitet werden kann, stellen Regulierungsbehörden zunehmend infrage, ob Unternehmen sie überhaupt als solche vermarkten sollten. Genau hier bergen viele Nachhaltigkeitsversprechen Risiken. Nicht unbedingt, weil Unternehmen bewusst „Greenwashing“ betreiben, sondern weil die guten Absichten oft dem tatsächlichen Verständnis vorauslaufen. Dies ist ein Bereich, in dem wir aus den Erfahrungen mit Konsumgüterverpackungen lernen können. Dort gab es bereits zahlreiche Herausforderungen und Klagen wegen irreführender Angaben. Es kann leicht passieren: Ein Team integriert recyceltes Material in eine Komponente und möchte dies hervorheben. Das Marketing ergänzt Werbematerialien um Nachhaltigkeitsgrafiken. Im Vertrieb wird mit Abfallreduzierung geworben. Für sich genommen mögen diese Entscheidungen harmlos erscheinen, doch sobald sie öffentlich kommuniziert werden, bewegen sich Unternehmen in einem rechtlichen und regulatorischen Umfeld, das zunehmend strenger agiert. Für Medizintechnikunternehmen, die weltweit tätig sind, stellt dies eine besondere Herausforderung dar, da eine für einen bestimmten Markt entwickelte Aussage leicht in einem anderen Markt mit völlig anderen Vorschriften sichtbar werden kann.
Letztlich muss die Medizintechnikbranche beginnen, Nachhaltigkeitsversprechen mit derselben Ernsthaftigkeit zu behandeln wie produktbezogene Aussagen. Aussagen zur Nachhaltigkeit sind kein reines Marketinginstrument. Es sind keine beiläufigen Behauptungen. Es geht nicht um Ästhetik oder bloße Meinungen. Es handelt sich um Aussagen, die eine Dokumentation, Begründung und wissenschaftliche Untermauerung erfordern. Ich bin fest davon überzeugt, dass jene Unternehmen erfolgreich sein werden, die Nachhaltigkeit von Anfang an gezielt in die Produkt- und Verpackungsentwicklung integrieren. Das bedeutet: verstehen, was Nachhaltigkeitsaussagen wirklich bedeuten; sich frühzeitig mit Vorschriften vertraut machen; Designentscheidungen dokumentieren; Nachhaltigkeitsexperten einbeziehen und ermitteln, welche Umweltauswirkungen tatsächlich durch Daten belegt werden können.
Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als nur die Verpackung, und unsere Industrie muss den Dialog darüber ausweiten. Betrachtet man das Gesamtbild, so ergeben sich einige der bedeutendsten Fortschritte in der Nachhaltigkeit durch die Optimierung des gesamten Behandlungspfads. Ein Herzschrittmacher, der eine längere Lebensdauer aufweist und somit weniger Austauschoperationen erforderlich macht, kann eine größere positive Auswirkung auf die Umwelt haben als eine Neugestaltung der Verpackung. Ein Diagnosegerät, das unnötige invasive Eingriffe vermeidet, kann den Gesamtverbrauch an Ressourcen im Gesundheitswesen erheblich senken. Dies sind hervorragende Beispiele dafür, dass Nachhaltigkeitsvorteile auch jenseits der Verpackung erzielt werden können.
Wenn Sie das nächste Mal über Nachhaltigkeit diskutieren, regen Sie Ihr Team dazu an, nicht nur zu fragen: „Können wir dieses Produkt als ‚grün‘ bezeichnen?“, sondern vielmehr: „Welche konkrete Verbesserung für die Umwelt oder die Gesundheitsversorgung erzielen wir damit, und können wir diese belegen?“